BUCH 1 - ICHBINDU


Das Roman-Beispiel:


Stell Dir vor, Du wärst ein Schriftsteller. Die letzten 10 Jahre hast Du an einem großen Roman gearbeitet - 8 Stunden am Tag. 10 Jahre lang hast Du Dich zurückgezogen und Dich in diesen Roman „vertieft“. Alle Menschen in diesem Roman sind Deine Geschöpfe. Das Leid, die Freude, alle charakterlichen Eigenschaften haben diese Menschen Dir zu verdanken. Du warst Herr über ihr Schicksal, über Regen und Sonnenschein. Für diese Romanwelt bist Du Gott. Keiner wird diesen Roman besser kennen als Du. Selbst wenn ein begeisterter Leser das Stück 100-mal liest, wird er die Menschen und Zusammenhänge nicht so intensiv und lebendig verstehen können wie Du.

Fünf Jahre später hat sich Dein 700 Seiten Roman zu einem Weltbestseller entwickelt. Auf einer Party schwärmt eine unbekannte Dame von einem Roman. Dieses Buch sei das Beste, was sie seit Jahren gelesen habe. Voller Gefühl, Menschlichkeit und Spannung. Ohne zu wissen, daß Du der Autor bist, fragt sie Dich nun, ob Du diesen Roman kennst. Du beantwortest diese Frage nur mit einem bescheidenen „ja“. In diesem kurzen Wort „ja“ liegt Dein allumfassendes Verstehen ohne fragmentierende Gedanken. In diesem „ja“ haben sich nicht nur die 700 Seiten, sondern auch die 10 Jahre Arbeit von Dir im „jetzt“ manifestiert, denn kein Mensch hat mehr Verständnis über die Zusammenhänge in diesem Roman als Du. Die ganze Geschichte, vom Pflanzen des Samens bis zur ausgereiften Story liegt „komplett“ in dieser kurzen Antwort.

Wenn sich nun eine dritte Person interessiert in das Gespräch einmischt und um eine kurze Inhaltsangabe bitten würde, weil sie diesen Roman nicht kennt, wärst Du gezwungen, dieses - alles beinhaltende zeitlose „ja“ - mit verbalen Erklärungen in eine (für Nichtwissende) verständliche Erklärung - „die Zeit benötigt“ - zu bringen. In diesem kurzen „ja“ liegt das Wissen von 10 Jahren Arbeit an diesem Roman im „Jetzt“ eingefroren, das Du nun „entfalten“ mußt. Was aber kannst Du davon in fünf Minuten entfalten. In Deinem „ja“ lag eine absolute Genauigkeit des Inhalts, ohne darüber fragmentierend nachzudenken. Es ist das tiefe Verständnis für das, "was[in dieser Romanwelt]ist", die absolute Genauigkeit. Wie ungenau ist wohl dagegen Deine fünf minutenlange Inhaltsangabe.



Wenn Du mich nun fragen würdest, ob ich weiß, wie Dein „Leben“ wirklich funktioniert, werde ich Dir mit einem kurzen, alles verstehenden „ja“ antworten.

Dir ist (noch) nicht bewußt, daß Du selbst der Autor Deines eigenen Lebens bist und nicht nur ein Leser, der alles hinnehmen muß, so wie er glaubt, das es ist.



Ich existiere nur, wenn ich von jemanden gelesen werde. Die Aktivität des Lesens läßt einen Sprecher einen Text sprechen, dem Du zuhörst.

Wer ist nun der Sprecher?

Wer ist der Zuhörer?

Sind Sprecher und Zuhörer nicht eine Person?

In diesem Moment -  während Du mich liest - hörst Du mir zu. Aber wer bin ich, wenn Du nur Dir selbst zuhörst? Ganz schön verzwickt, nicht wahr! Ich, der Sprecher und Du sind bei genauer Betrachtung des Vorgangs „Lesen“ eigentlich ein und dieselbe Person. In diesem Augenblick beobachten „wir“ uns selbst. Das, was wir lesen, d. h. der Inhalt oder „die Information“, die wir durch das Lesen erhalten, soll uns bei dieser Betrachtungsweise einmal nicht interessieren. Unsere „Wahrnehmung“ ist nur auf das gerichtet, was während des Lesens eigentlich passiert. „Normalerweise“ achtest Du nur auf die Information, die Dir das „Geschriebene“ mitteilt. Aber was ist schon „normal“?


Wir wollen gemeinsam versuchen einen Zustand der reinen Beobachtung zu erreichen. Wir müssen in uns einen Beobachter entwickeln, der „das, was ist“ beobachtet, ohne es mit etwas Bestehendem zu vergleichen und dann zu interpretieren. Einen „ge“wissenhaften Beobachter der „aufmerksam“ beobachtet, was, wie und wann wir lesen. Dabei werden wir feststellen, daß diese Gedanken von irgendetwas erzeugt werden, über das wir kaum einen Einfluß haben.


Versuche doch einmal ca. 5 Minuten lang nicht an das Wort „Eisbären“ zu denken. Es wird Dir nicht gelingen. Beobachte ganz unparteiisch Deine Gedanken (den Sprecher / Denker).

Wahrscheinlich wirst Du folgendes hören:

„Ich soll/will nicht an Eisbären denken.“

Was Du aber zwangsläufig im selben Augenblick ja dann dennoch tust. Auch wenn Du versuchst, Dich mit Gewalt abzulenken, z.B. mit einer schwierigen Rechenaufgabe, wird es Dir nur für kurze Zeit gelingen nicht an ...........zu denken. Deine Gedanken werden sich fragen: „Wieso versuche ich eigentlich diese Rechenaufgabe zu lösen? Klar, weil ich nicht an Eisbären denken will.“

Wenn Du Deine Augen schließt und die Luft anhältst, kannst Du am einfachsten erfahren, worin der eigentliche Unterschied zwischen den von Dir nicht beeinflußbaren „lauten Gedanken“ und Deinem „Beobachterbewußtsein“ liegt.


Einige Sekunden, nachdem Du die Luft angehalten hast, wird dieser Beobachter in Dir folgende oder ähnliche „laute Gedanken“ zu hören bekommen:

„Luftanhalten, so ein Unsinn, wieso mache ich das eigentlich? Das ist ja total langweilig, was soll mir das bringen?“

Kurze Zeit später wird dieser Beobachter noch jemanden entdecken, der sich „lautstark“ zu Wort meldet, nicht mit Worten, sondern mit Gefühlen - Dein Körper! Er findet das Luftanhalten nicht so langweilig wie Deine Gedanken, da er diese Luft dringend benötigt, löst er in panischer Angst Gefühle aus. Diese Empfindungen werden nun auch Deine Gedanken ändern:

„Wenn ich jetzt nicht zum Atmen anfange, muß ich ersticken. Mal sehen, wie lange ich das noch aushalte? Buh, jetzt wird es aber ganz schön eng. Wieso mach ich das eigentlich?“

Ist es nicht toll, was ein bewußt beobachtender Geist alles erfährt, wovon Du „normalerweise“ überhaupt nichts mitbekommst. Du hast immer den Eindruck, daß diese lauten Gedanken Du selbst bist - Dein „Ich“.

Aber wer ist denn dann dieser Beobachter, der diese Gedanken beobachtet?

Es kommt noch schlimmer! Wenn Du dieses „ich halte die Luft an und beobachte mich dabei“ Theaterstück genau analysierst, wirst Du feststellen, daß in Dir drei Akteuren arbeiten.


Du als (hoffentlich) aufmerksamer Beobachter

Du als sprechende Gedanken

Du als empfindender Körper


Sind das wirklich alle, die daran beteiligt sind?

Und wer beobachtet das aus diesen 3 Akteuren bestehende „Theaterstück“?


Du beobachtest doch - wie der Beobachter in Dir beobachtet, auf welche Art Deine sprechenden Gedanken und Dein empfindender Körper auf das von Dir bewußt herbeigeführte Luftanhalten reagieren.


Verdammt, ist das kompliziert!


Es ist nicht kompliziert, sondern nur absolutes „Gewahrsein“. Dies ist die Aufmerksamkeit Dinge zu betrachten, über die sich die wenigsten Menschen Gedanken machen. Du kannst dieses Spiel natürlich noch weiterführen, es ist ein Spiel ohne Grenzen. Beantworte doch einmal jeden der nachfolgenden Sätze und lasse die von Dir gegebenen Antworten auf Dich wirken. Vergesse dabei nicht, den Beobachter zu beobachten.


Wer hat Dich veranlaßt, die Luft anzuhalten?


Das Buch, ich, der Autor, der dieses „kleine Buch“ verfaßt hat?


Also ich höre keinen fremden Autor, der zu uns spricht, wie meinst Du das?


Wer stellt nun diese Fragen?

Der Sprecher, dem Du zuhörst natürlich! Und wer ist dieser Sprecher?


Hat jetzt nicht jemand - „ich natürlich“ - gedacht?


Wer ist diese Stimme, die behauptet - „Ich“ - zu sein?


„Hallo, wer bist du, der in mir spricht!“



Hast Du die „Stille“ in Deinem Kopf bemerkt, als Du nach der letzten Frage auf eine Antwort gewartet hast?

Du hast versucht in Dich selbst hineinzuhören. Doch Dein Ego wollte Dir nicht antworten. Scheint ein sturer Bock zu sein - Dein Ego.